Gepostet von Sonja Cornelsen am 1212.0606. 2012 in Tagesenergien | Keine Kommentare
Wir leben in einer Welt der Scheine. Nicht nur der Geldscheine. Sondern der Bescheinigungen. Für alles bekomme ich den Anschein einer Befähigung: Vom Füllerführerschein, dem Einmal-Eins- und ABC-Führerschein, zum Erste-Hilfe- und Führerschein. Im Studium gabe es früher auch Scheine, die erworben werden mussten. Inszwischen werden Punkte gesammlt und ich frage mich ob, diese Reduzierung etwas mit der Reduzierung der eigenen geistigen Fähigkeiten zu tun hat.
Egal, welche Tätigkeit ich ausüben möchte, für alles benötige ich Scheine, Zertifikate, Zeugnisse, Diplome. Aber hält der Mensch auch, was das Papier verspricht? Schon die Bezahlung der Tätigkeiten scheint sich vom gedruckten Fertigkeitsnachweis gelöst zu haben. Akademiker zu sein, ist kein Garant mehr für eine, die langen Jahre des Studiums entschädigende Entlohnung.
Oder ist es gar subtile Gesellschaftskritik, dass wer der lauteste Marktschreier ist, am meisten Geld erhält. Oder wenn plötzlich ein Realschüler sich zum Vorstandsvorsitzenden hochgearbeitet hat, obwohl man meinen könnte, ohne eine Abschluss in St. Gallen ist man die Luft nicht wert, die man im Büro veratmet.
Gebiert nicht erst die Erfahrung das Sein – weg vom Schein?
Ich habe kein Diplom einer Kunstakademie und dennoch bin ich Künstlerin. Ich nehme die Welt war als riesiges schöpferisches Potenzial. Da wird ein Stein, ein Stock und eine Weihnachtskugel zu einer Installation. Getropfte Farbe zum Beginn eines Bildes. Manchmal steht der Prozess im Vordergrund, das Gefühl in die Welt, durch sie hindurch, durch das Material auf eine Ebene zu fließen. Ich wage zu bezweifeln, dass man mir das bescheinigen kann oder dass man das lernen kann.
Natürlich kann ich Handwerkszeug erlernen. Ich kann in verschiedene Bereiche schauen, die Theorie dazu lesen. Doch das eigentlich beginnt doch mit den Erfahrungen. Sie sind wahr – wahrhaft gemachtes Sein. In Ihnen erlebe ich mich im Zusammenspiel mit meiner Umwelt und kann entscheiden, wer ich wirklich, wirklich bin. Und auch die Welt erfährt mich in meinen Handlungen.
Goethe nannte es beobachtendes Urteilsvermögen. Ich finde, es ist an der Zeit, sich wieder zu Zeit zu nehmen und zu beobachten, wahrzunehmen und zu erfahren um dann beurteilen zu können, ob bspw. ein Mensch für einen Tätigkeit geeignet ist oder nicht. Es ist mehr als “try and error”. Es ist bewusst sein und die eigene Wirklichkeit spüren – weg vom Schein.